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Geschichte der Region Český Krumlov

Die Region Český Krumlov ist Bestandteil des böhmischen Landes und gehört in geographischer, historischer und auch kultureller Hinsicht zum Gebiet von Mitteleuropa. Dank ihrer Schlüsselposition im äußersten Süden, allgemein an der Trennung der slawischen und germanischen Welt, konkret an den Grenzen zu den Ländern Deutschland, Österreich und Böhmen, spielte die Krumauer Region mit ihrer Residenzstadt Český Krumlov eine bedeutende Rolle in der böhmischen Geschichte. Kulturelle, politische und wirtschaftliche Einflüsse vom Norden (Zentrum von Prag), Anregungen aus Deutschland oder in der südlichen Richtung die Orientierung auf Wien oder auf das Gebiet des Mittelmeeres trafen, ergänzten und mischten sich hier oft, um eine besondere Art, spezifisches kulturelles Milieu sowie auch eigenartige künstlerische Formen zu entwickeln.

Plan von Český Krumlov, kolorierte Zeichnung ca. 1700, Staatliches regionales Archiv Třeboň, Filiale Český Krumlov.

Plan von Český Krumlov, kolorierte Zeichnung ca. 1700, Detail mit der Ansicht des historischen Stadtkerns, Staatliches regionales Archiv Třeboň, Filiale Český Krumlov. Plan von Český Krumlov, kolorierte Zeichnung ca. 1700, Detail mit Erklärungen, Staatliches regionales Archiv Třeboň, Filiale Český Krumlov.

Die Region wurde entlang der Wasserläufe bereits in der mittleren Steinzeit besiedelt, etwa 50 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Die kleine Höhle von Dobrkovice bei Český Krumlov ist eine bedeutende und die älteste archäologische Fundstelle einer Feuerstelle, steinernen Werkzeuge sowie auch Knochen der gefangenen Tiere einschließlich eines Mammuts.

Steinerne geglätterte und gebohrte Axtbeile aus der Region Český Krumlov, Jung- und Spätsteinzeit (ca. 4000 - 2000 vor Christus), Sammlungsfonds des Bezirksheimatmuseums in Český Krumlov

Merkwürdige Funde sind mit der Bronzezeit um das Jahr 1400 vor unserer Zeitrechnung verbunden. Aus der archäologischen Lokalität Dívčí Kámen sind Funde von keramischen Gefäßen, Bronzewaffen und -schmuck bekannt. Die gegenwärtigen archäologischen Untersuchungen setzen aufgrund der Funde die Existenz einer Burgstätte aus der älteren Bronzezeit voraus (etwa 1500 Jahre vor unserer Zeitrechnung), und zwar auf dem Gelände des zweiten Schloßhofes des Schlosses Český Krumlov. (Archäologische Untersuchungen in der Stadt Český Krumlov).

Funde aus dem keltischen Oppidum Třísov, La Téne-Zeit Das Niveau der Besiedelung der Region im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung belegt die Existenz einer ausgedehnten keltischen Burgstätte bei Třísov. Die Kelten, die den Großteil von Europa beherrschten und in Konflikte mit dem römischen Heer kamen, erbauten bei Třísov ein Oppidum mit der Fläche von 2 ha und von einer Burgmauer geschützt. Bei einer Fachuntersuchung dieser Lokalität wurden merkwürdige Funde gemacht, nämlich Reste von Wohnstätten, Handwerkerwerkstätten, von einem Tempel sowie auch von Gegenständen täglichen Gebrauchs, Schmuck und Münzen. Schon damals war unsere Region wirtschaftlich und kulturell auf den Süden, zur Donau und zum Mittelmeer orientiert. (Archäologische Untersuchungen in der Region Český Krumlov )

Für die folgenden Jahrhunderte ist das Durchdringen und Ansiedeln der germanischen Stämme typisch. Im 8. Jahrhundert kommen Slawen nach Südböhmen, wovon die entdeckten slawischen Burgstätten in Boletice und in Český Krumlov zeugen. Die slawischen Stämme nehmen das Christentum an und beginnen, sich langsam an der Entwicklung der mitteleuropäischen Zivilisation zu beteiligen, besonders nach ihrer Vereinigung durch den Stamm der Tschechen am Ende des 10. Jahrhunderts.

Kirche in Boletice, ein historisches Foto

Das ganze Gebiet gehörte vorerst in den Besitz der böhmischen, in Prag (Praha) residierenden Fürsten. Im Zusammenhang mit der Gründung neuer kirchlicher Institutionen im 11. und 12. Jahrhundert ging ein Teil des Territoriums zu den Besitzungen der Klöster in Prag und Umgebung über. Für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung dieser Region war außer den Kontakten mit dem Prager Zentrum auch das Vorhandensein eines Handelsweges von großer Bedeutung, der aus dem Gebiet der österreichischen Alpen in das Innere von Böhmen führte. (Historische Pfade in der Region Český Krumlov). Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten romanischen Bauten in diesem Gebiet, wie zum Beispiel die Kirche in Boletice. Im Zusammenhang mit der Festigung der Positionen des böhmischen Adels kam es am Ende des 12. Jahrhunderts zum Eindringen der Mitglieder des mächtigen Geschlechtes der Witigonen in diese Region, wo sie ein ausgedehntes Territorium eingenommen hatten.

Vyšší Brod, historischer Plan des Klosterareals

Im Laufe des 13. Jahrhunderts kommt es zur Kolonisierung dieser ziemlich rar besiedelten und waldigen Landschaft. Die Kolonisation wurde nicht nur von den Witigonen, sondern auch vom Herrscher iniziiert, der seine Machtposition in diesem Gebiet stärken wollte. Die Witigonen gründen die Burg Rožmberk (Burg Rožmberk nad Vltavou) und etwas später auch die Burg Český Krumlov (Die Geschichte des Schlosses Český Krumlov), in deren unmittelbaren Nähe auch eine Untertanenstadt entsteht. Aus ihrer Initiative kommt es im Jahre 1259 auch zur Gründung des Zisterzienserklosters Vyšší Brod. Die kulturmäßig mit dem kultivierten französischen Milieu, wo der Orden entstanden war, verbundenen Zisterzienser pflegten zahlreiche Beziehungen mit den österreichischen Ländern, woher sie ins Kloster Vyšší Brod berufen wurden, verbreiteten eigenartige künstlerische Anregungen, gründeten neue Dörfer und propagierten moderne Vorgangsweisen in der Landwirtschaft.

Friedrich Bernard Werner, Vedute des Klosters Zlatá Koruna, Mitte des 18. Jahrhunderts

Die Kolonisierung unterstützte im Rahmen seiner Besitzungen auch der Herrscher, der in die wenig besiedelten Gebiete dieses Territoriums deutsche Bevölkerung aus den Nachbarländern einlud. Die neuen Siedler siedelten sich hier an und nach vielen folgenden gemeinsamen Jahrhunderten lebten sie in einer kulturell und ökonomisch akzeptablen Symbiose mit der einheimischen tschechischen Bevölkerung. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war im Denken der Menschen nicht die Nationalität, sondern die Zugehörigkeit zu einem Land ohne Rücksicht auf die Sprache entscheidend. Eine bedeutende Tat des Königs Přemysl Ottokar II. im Rahmen der Kolonisierung war im Jahre 1263 die Errichtung des Zisterzienserklosters Zlatá Koruna. Die Mönche machten sich für die Kolonisierung des ausgedehnten Territoriums in der Krumauer Region verdient, das ein Bestandteil des Klosterbesitzes war. Das im Zentrum der Herrschaft der Witigonen liegende Kloster sollte als Bollwerk königlicher Macht gegen die Expansivität der Witigonen dienen. Diese Aktivitäten führten jedoch zu häufigen Konflikten sowie zur Spannung zwischen beiden Seiten.

Nach dem Aussterben der Herren von Krumlov im Jahre 1302 erbten Mitglieder eines weiteren Zweiges der Witigonen - nämlich die Rosenberger - Český Krumlov. Diese besaßen die Krumauer Herrschaft, die sowohl wirtschaftlich, als auch kulturell einen eigenständigen Komplex bildete, und zwahr drei Jahrhunderte lang, bis zum Jahre 1602. Die Rosenberger nahmen die vordersten Positionen unter dem Adel des Böhmischen Königreichs ein, daher waren sie mit zahlreichen politischen und kulturellen Banden an den Prager königlichen Hof gebunden, der besonders zur Zeit der Regierung des Kaisers Karl IV. und seines Sohnes Václav IV. zu bedeutenden kulturellen Zentren des damaligen Europas gehörte. Dank seiner Lage pflegte dieses Gebiet auch enge Kontakte zu den benachbarten österreichischen und deutschen Ländern, was eine gegenseitige Bereicherung brachte. Diese Tatsachen beeinflußten bedeutend das künstlerische Schaffen (Architektur, Bildhauerei, Malerei) in diesem Gebiet, das während der Gotik ein hohes Niveau erreichte. Die größten Empfänger und Auftraggeber der Kunstwerke waren die Rosenberger sowie auch die hiesigen Zisterzienserklöster in Vyšší Brod und in Zlatá Koruna.

Madonna von Vyšší Brod, um das Jahr 1420 Die kulturelle Kontinuität der Krumauer Region wurde auch nach dem Ausbruch der religiösen Hussitenkriege nach dem Jahre 1420 nicht unterbrochen. Die Hussiten, die sich um die Bereinigung der Kirche von allem Frevel bemühten, nahmen eine negative Stellung gegenüber der sakralen Kunst ein und lehnten auch die hohe höfische Kultur des vorherigen Zeitraumes ab. Die an der Spitze des katholischen Adels stehenden Rosenberger, machten aus Český Krumlov ein kulturelles und diplomatisches Zentrum des Landes anstelle des von dem Hussitentum ergriffenen Prag. In Krumau suchten daher viele Adelige, kirchliche Würdenträger und Künstler ihre Zuflucht, welche die geistige und kulturelle Entwicklung in diesem Gebiet bedeutend beeinflußten. In der politischen und kulturellen Ebene schlossen die Rosenberger absichtlich an die Traditionen des Prager königlichen Hofes an.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts kam in dieser Region die Spätgotik zur Geltung, die hier besonders in der bildenden Kunst viele Denkmäler hoher Qualität hinterließ. Ein Beispiel ist die Plastik des sog. Schönen Stils sowie die gotische Plattenmalerei. An der Realisierung vieler Bauten beteiligte sich auch die entwickelte Rosenberger Bauhütte, deren Mitglieder aus den benachbarten Ländern stammten. (Geschichte der Kultur in der Region Český Krumlov).

Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts beginnen nach Český Krumlov langsam die Gedanken des italienischen Humanismus sowie der Renaissance durchzudringen, und zwar im Zusammenhang mit dem Studium einiger Herren von Rosenberg, Bürger und Priester an den italienischen Universitäten in Padua und Bologna. Die Tradition der Gotik ist jedoch im böhmischen Milieu sehr stark, und daher kommt die Renaissance in dieser Stadt erst zur Zeit des Wilhelm von Rosenberg (1535-1592) und völlig erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts zur Geltung. Dieser vordere Adelige des Böhmischen Königreichs ließ unter der Leitung italienischer Künstler die usprünglich gotische Burg großzügig in einen prachtvollen Renaissance-Sitz umbauen. (Das Schloß Český Krumlov in der Zeit der Renaissance). Die Renaissance verwandelte das Gesicht der ganzen Stadt, da sich die Umbauten auch auf die Bürgerhäuser sowie auch weitere Objekte bezogen.

Detail der Malerei des Renaissancezimmers III. auf dem Schloss Český Krumlov Nach der Zeit des Aufschwungs kam aber dann die Stagnation und im Jahre 1602 verkauft der letzte Rosenberger Herrscher Peter Wok von Rosenberg (1539-1611) die verschuldete Krumauer Herrschaft an den Kaiser Rudolf II. von Habsburg und den Rest seines Lebens verbringt er im Schloß Třeboň. Schon davor übergab der kinderlose Peter Wok von Rosenberg seinem Neffen Jan Zrinský ze Serynu die Burg Rožmberk. Dieser starb jedoch auch ohne Nachkommen und so ging der Besitz auf die Schwamberger über. Nach dem Abgang der Rosenberger kommt es in dieser Region zur Stagnation, was später noch durch den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges im Jahre 1618 beeinflußt wurde, der das Leben der ganzen Gesellschaft negativ gezeichnet hat.

Im 17. Jahrhundert kommen neue Adelsgeschlechter aus dem Ausland in diese Region, die hier Besitz erwarben. Im Jahre 1622 erhielt das österreichische Geschlecht der Eggenberger vom Kaiser Ferdinand II. von Habsburg die Krumauer Herrschaft. Das nach der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 den Schwambergern konfiszierte Rožmberk bekamen die Grafen von Buquoy, die aus dem Gebiet des heutigen Belgien stammten. Diese Adelsgeschlechter trugen wesentlich zur Verbreitung der Barockkultur auf ihren neu erworbenen Herrschaften bei.

Friedrich Bernard Werner, Vedute von Kájov, Mitte des 18. Jahrhunderts

Während der Regierung des letzten Eggenbergers, des kunstliebenden Fürsten Johann Christian I. von Eggenberg (1641-1710), der in Krumau einen prunkvollen aristokratischen Hof errichtete, kam es zu bedeutenden barocken Umbauten des Schlosses (Das Schloß Český Krumlov in der Barockzeit) sowie auch kirchlicher Bauten in der Stadt. Für die Zeit des Barocks ist das gestiegene Interesse für die Religion charakteristisch, das auch in der Wiederherstellung alter und im Bau neuer Kirchen, Kapellen und Wallfahrtsorte zum Ausdruck gebracht wird. (Wallfahrten und Wallfahrtsorte in der Region Český Krumlov). Das Gesicht der Landschaft in diesem Gebiet beeinflußten stark ähnliche Bauten, sie erreichten jedoch nicht ein so hohes Niveau wie während der Gotik. Die Krumauer Region stellte ein traditionell katholisches Gebiet dar, daher verlief hier die Rekatholisierung nach der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 schnell und gewaltlos. Auf die Festigung des katholischen Glaubens der hiesiegen Bevölkerung sollten auch die großartigen kirchlichen Feste wirken, die zum Beispiel in der bedeutenden Wallfahrtskirche Kájově veranstaltet wurden. Unter dem Einfluß der pompösen barocken Frömmigkeit fanden hier berühmte Wallfahrten unter Beteiligung des fürstlichen Hofes sowie auch hunderter Gläubigen aus der ganzen Region statt.

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Im Jahre 1710 starben die Eggenberger aus und das deutsche fürstliche Geschlecht der Schwarzenberger erbte ihren Besitz. Diese waren kulturell und politisch auf das Milieu des kaiserlichen Hofes in Wien orientiert, woher sie auch Künstler beriefen, die sich an den Barock- und Rokoko-Umbauten der Schloßresidenz beteiligten. Die großzügigen Bauaktivitäten gipfelten während der Herrschaft des Fürsten Josef Adam zu Schwarzenberg (1722-1782), der auch Gründer des berühmten barocken Schloßtheaters in Český Krumlov war. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts stagniert das ganze Gebiet sowohl kulturell, als auch wirtschaftlich. Die Schwarzenberger wenden ihre Aufmerksamkeit auf das Schloß Hluboká nad Vltavou, wohin sie dann auch später übersiedelten. Český Krumlov verlor den Charakter einer Residenzstadt und bekam Züge einer Provinzstadt.

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert berührte diese Region nicht so stark wie andere Gebiete Böhmens, da hier die Rohstoffvorräte und auch die Verkehrsverbindungen fehlten. Es entstand hier keine schwere Industrie, die Erzeugung orientierte sich vor allem auf die Holzverarbeitung und auf die Erzeugung von Papier. Die Krumauer Region blieb abseits der industriellen Entwicklung und der fortschreitenden Urbanisierung, daher blieb bis in die heutigen Tage der altertümliche Charakter von Český Krumlov sowie auch die Schönheit der umliegenden Natur erhalten. Von der Menge der Denkmäler und der Schönheit der Landschaft ließ sich der bekannte tschechisch-deutsche, aus Horní Planá stammende Schriftsteller Adalbert Stifter (1805-1868) inspirieren.

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(zp)

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Geschichte der Stadt Český Krumlov
Mittelalterliche Kolonisation der Region Český Krumlov