Enzyklopädie > Region Český Krumlov > Geschichte der Region Český Krumlov > Geschichte der Kultur in der Region Český Krumlov

Geschichte des Schriftentums in der Region Český Krumlov

Liber depictus, Český Krumlov, 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, Der heilige Veit und Gaukler Das Gebiet von Český Krumlov wurde, dank seiner abgelegenen Lage, im Vergleich zu den anderen Gegenden von Böhmen und der Donau ziemlich spät besiedelt. Deshalb kam es zum Antritt des Schriftentums erst mit der intensiven Kolonisation in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in der dieses Gebiet zum Sitzkern der sich ausbreitenden Macht der Rosenberger Witigonen wird. Beachtung schenkte zu dieser Zeit dieser bislang abgelegenen Ecke Südböhmens aber auch der König Přemysl Ottokar II., der dieses Gebiet einerseits als einen verbindenden Punkt mit dem neu errichteten böhmisch-österreichischen Gesamtsstaat betrachtete und andererseits spürte er hier die Konkurrenz des Geschlechtes der Witigonen. Ausdruck der Beachtung beider Machtzentren, des herrschenden Prager und des der Witigonen, sind zwei große Fundationen der Zisterzienser: das Kloster in Vyšší Brod, gegründet durch Wok von Rosenberg im Jahre 1259 und das Kloster in Zlatá Koruna, das im Jahre 1263 nach dem Willen von König Přemysl Ottokar II. entstand.

Beide diese geistlichen Institute, mit einem weitläufigen feudalen Hintergrund versehen, werden rasch zu Zentren des Zivilisationsfortschrittes. Die verfeinerte Umgebung der Zisterzienser, die enge Bindungen zu den Mutterklöstern in Burgund haben, erzwingt sich den Bedarf an Büchern. Die Literaturgenre, anfangs nur durch allgemeine theologische und liturgische Bücher vertreten, werden im Verlauf des 14. Jahrhunderts nacheinander durch eigene Werke der Skriptorien in beiden Klöstern ergänzt, und das durch Umschreibungen bekannter europäischer Autoren, wie auch durch inländische Themen, die um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert in beiden Klöstern über empfundene Krise der Kirche vor den bevorstehenden Hussitenkriegen bezeugen. Bis heute blieb im Interieur des Klosters von Vyšší Brod eine Bibliothek die an die 70 000 Bücher zählt, erhalten. (Die Bibliothek des Klosters Vyšší Brod). Sie litt in der Vergangenheit unter keinen ernsteren Verhängnissen, und deshalb, mit Hinsicht auf die Bedeutung besonders der mittelalterlichen Manuskripte (nur Pergamentmanuskripte sind 220) und des intakt erhaltenen Ganzen, stellt sie die zweite wertvollste historische Bibliothek in der Tschechischen Republik dar. Die Bibliothek im Kloster Zlatá Koruna fiel im Jahre 1785 bei der Auflösung des Klosters durch den Kaiser Josef II. auseinander.

In der Bemühung sich dem Prager Hof gleichzustellen, können wir seit dem Beginn des 14. Jahrhunderts die Ambitionen im Bereich der Bücherkultur ebenfalls in der Umgebung des Adels, auf dem Hofe der Rosenberger in Český Krumlov beobachten. Ein bedeutsames Andenken an die altböhmische juristische Prosa aus dieser Zeit, stellt das sogenannte "Rosenberger Buch" oder z. B. das reichlich illuminierte Manuskript theologischen Inhaltes, der "Krumauer Bilderkodex" genannt, dar. Die Bedeutung von Krumau als einem Kulturzentrum stieg in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts an, als hier bei der erzdekanischen St. Veits-Kirche im Jahre 1380 aus der Initiative von Václav z Rovného eine Kaplanbibliothek entstand, und die Stadtschule gegründet wurde, und besonders im 15. Jahrhundert, in dem die Stadt als Sitz des katholischen Adels zum Zufluchtsort besonders des katholisch denkenden Klerus aus ganz Böhmen wurde.

Krumauer Bilderkodex, Anfang des 15. Jahrhunderts, der Teufel schiebt die Sünder dem Höllenrachen zu Der Hussitenzeitabschnitt, der für die böhmischen Länder eine verspätete Rezeption humanistischer Ideen bedeutete, berührte Krumau nicht. Es zwang im Gegenteil die Rosenberger und die materiell gut abgesicherten katholischen Bürger dazu, Kulturkontakte im Ausland zu suchen. Dies wirkte sich besonders bei der Aussendung einer immer größeren Anzahl von Studenten an ausländische humanistische Schulen aus. Um den Rosenberger Kanzler Václav z Rovného entstand am Ende des 15. Jahrhunderts ein Kreis von humanistisch orientierten Bürgern, die sich in einigen Fällen von ehemaligen Studenten der italienischen Universitäten rekrutierten. Václav z Rovného besaß eine ausgedehnte Sammlung antiker Texte und betrieb Korrespondenz mit dem Bologneser Humanisten Filip Beroald dem Älteren. Bis heute blieb eine ganze Reihe der Bücher des Kanzlers in den Fonds der Minoritenbibliothek in Český Krumlov erhalten, die sich heutzutage in Zlatá Koruna befindet. Die humanistischen Ideen im bürgerlichen Bereich von Český Krumlov wurden aber erst in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts völlig heimisch.

Einen großen Anklang erhielten die Bibliotheken beider letzten Rosenberger, Wilhelm und Peter Wok. Beide knüpften an den älteren Fonds an, der bereits vor dem Hussitenzeitabschnitt hoch das Niveau der anderen Adelsbibliotheken in den böhmischen Ländern überschritt. Während der Zeit von Peter Wok von Rosenberg wurde diese Bibliothek auf mehr als 11 000 erweitert, was zu dieser Zeit, am Anfang des 17. Jahrhunderts, den größten Fonds in Mitteleuropa darstellte. Die Bibliothek vermengte sich später mit der Sammlung des Rudolf II. von Habsburg, mit der sie nach dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert zur schwedischen Kriegsbeute wurde. Einen Verdienst an dieser Bibliothek haben insbesondere der Rosenberger Archivar Václav Březan, der ihr Verzeichnis erschuf, und der Sekretär Theobald Hock z Zweibruckenu, der ebenfalls als erster Dichter des deutschen Barocks angesehen wird.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde in der Region von Český Krumlov der Literatur insbesondere im Zusammenhang mit dem dramatischen Schaffen Aufmerksamkeit gewidmet, und dies in der Umgebung des Eggenberger Adelshofes und des Jesuitenkollegs in Český Krumlov. Über das literarische Interesse der Eggenberger zeugt auch deren Bibliothek, die im Jahre 1719 an die 2296 Titel umfaßte, meistens in romanischen Sprachen gedruckt und eines nicht religiösen Charakters.

Außer den Krumauer Bibliotheken, der prälatischen und jesuitischen, vergrößert sich der Bücherfonds des Zisterzienserklosters in Vyšší Brod. Während der Herrschaft der Äbte Quirin Mickl und Hermann Kurtz erstrahlte die Bibliothek in der Mitte des 18. Jahrhunderts in einer neuen barocken Gestalt und setzte sich ein ambiziöses Ziel, diesesmal aber bereits zum letzten Male: Literatur aller Bereiche des menschlichen Wissens zu beinhalten. Am Ende des 18. Jahrhunderts, dank des sich verringernden Einflusses der Kirche auf das gesellschaftliche Geschehen, mußte das Kloster auf diese Bemühung verzichten und konzentrierte sich weiterhin auf die religiöse Literatur und die eigene wissenschaftliche Tätigkeit. Die bedeutendste Persönlichkeit dieser Zeit, die dem Zisterzienserkloster entstammte, war Xaver Maxmilian Millauer (1784-1840), späterer Rektor der Prager Universität.

Am Anfang des 19. Jahrhunderts wird das südliche Böhmerwald-Gebiet (Pošumaví) immer mehr zu einer ökonomisch und kulturell peripheren Gegend, in der allmählich im Zusammenhang mit der materiellen und gesellschaftlichen Emanzipation des Mittelstandes die sprachliche Zugehörigkeit an der böhmich-deutschen Nationalitätengrenze dominiert. Die böhmische nationale Wiedergeburt greift bei der Krumauer Gegend nur am Rande ein, und wird nur durch zwei regional bedeutungsvollen Volksaufklärer repräsentiert: durch den Landsmann und Priester aus Velešín Josef Vlastimil Kamarýt (1797-1833) und den Lehrer aus Zlatá Koruna Antonín Borový (1755-1832).

Antifonar aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, Notentext eines lateinischen Liedes Das Gebiet um Český Krumlov wurde grundsätzlich mehr durch deutsche Einwohner besiedelt. Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert entwickelt sich hauptsächlich die Volkstheaterkultur. Bekannt sind Ritter-, Räuber-, Weihnachts- und besonders Passionsspiele im Text von Paul Gröllhesl, die später während der Passionsspiele in Hořice berühmt wurden.

Bestimmt die bekannteste literarisch tätige Persönlichkeit in der Umgebund von Český Krumlov ist der deutsch schreibende Autor Adalbert Stifter (1805-1868). Dieser Landsmann aus Horní Planá (Oberplan) blieb durch sein Schaffen mit dem Böhmerwald (Šumava) auch in der Zeit verbunden, in der er bereits längst die Bedeutung der Region überschritt. Dies wurde hauptsächlich durch seine meisterhafte Schilderung der Natur verdeutlicht. Talentierte deutsch schreibende Autore waren später auch Josef Gangl (1868-1918) und besonders Hans Watzlik (1879-1948).

Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung am Ende der 40er Jahre, nach der Abschaffung der geistlichen Institute und der Liquidation einiger Kulturinstitute in den Bezirken Český Krumlov und Kaplice, litt die Gegend sehr, und verstummte literarisch beinahe. Erst nach dem Jahre 1989 kommt es hoffentlich zu einer gewissen Wiederbelebung.













Institute mit einem größeren Bücherkomplex im Bezirk Český Krumlov:

Vyšší Brod, Zisterzienserkloster: historische Klosterbibliothek
Český Krumlov, Staatliche Burg und Schloß: historische Schloßbibliothek
Zlatá Koruna, ehemaliges Zisterzienserkloster: Abteilung der Manuskripte und wertvoller Drucke der Staatlichen wissenschaftlichen Bibliothek in České Budějovice; öffentliche Bibliothek
Český Krumlov: Städtische Bibliothek in Český Krumlov; öffenliche Bibliothek

(js)

Weitere Informationen :
Sagen und Legenden in der Region Český Krumlov
Die Region Český Krumlov in der Literatur
Die Stadt Český Krumlov in der Literatur
Das Manualbuch von Jan Staicz in der Klosterbibliothek Vyšší Brod
Die ältesten Handschriften des Klosters Vyšší Brod
Erstdrucke in der Klosterbibliothek Vyšší Brod